Schon in jungen Jahren war Philip K. Allan vom Meer fasziniert – von seinen Figuren, seinen Geschichten und den Welten, die es im Laufe der Jahrhunderte getragen hat. Was mit Segeltörns an der Atlantikküste Frankreichs und der Entdeckung der Romane von C. S. Forester und Patrick O’Brian begann, wurde nach und nach zu etwas Tieferem: einer Leidenschaft für das Meer als Schauplatz und Charakter zugleich, eine Welt, die er fortan durch Fiktion, Forschung und Erzählkunst zu erkunden suchte.
Es liegt eine besondere Ruhe und Klarheit in der Art, wie Philip über das Meer spricht. Das durchzieht seine Arbeit, formt die historischen Welten, die er nachbildet, und die Leben, die er auf die Seite bringt. Von seinen frühen Einflüssen bis zur vielgeschätzten Alexander‑Clay‑Reihe tragen seine Texte die Lesenden über Jahrhunderte der Marinegeschichte hinweg und zeigen nicht nur die Dramatik großer Ereignisse, sondern vor allem die menschlichen Geschichten, die an Deck und darunter stattfanden.
Heute verbindet Philip minutiöse Recherche mit einem instinktiven Verständnis des Lebens auf See, wodurch seine Romane und Vorträge eine Wärme und Authentizität erhalten, die lange nachklingen. Hier reflektiert er über die Erfahrungen, die ihn zu einem Leben formten, das von maritimer Geschichte geprägt ist.
„Weil wir an Land leben, schätzen wir oft nicht, wie weitreichend und wichtig das Meer ist.“

Hallo Philip! Was hat zunächst Ihr Interesse an Marinegeschichte und Erzählkunst geweckt?
Philip: Meine Leidenschaft für Schiffe und das Meer wurde als Teenager zuerst durch die Werke von C. S. Forester und später Patrick O’Brian entfacht. Damals segelte ich während der Familienferein an der Atlantikküste Frankreichs, und von dort stammt meine Liebe zum Meer. Nachdem ich mit fiktionalen Werken begonnen hatte, wandte ich mich zunehmend allgemeinere(n) maritimen Geschichtsbüchern zu. Später studierte ich die britische Marine des 18. Jahrhunderts im Rahmen meines Geschichtsstudiums an der Universität London.
Wann wurde Ihnen klar, dass Ihre Leidenschaft für Schiffe und das Meer sowohl Beruf als auch kreative Berufung werden könnte?
Philip: Das kam deutlich später im Leben. Nach dem Studium hatte ich eine erfolgreiche Karriere in der Automobilbranche, und mein Interesse an Marinegeschichte blieb zunächst ein Hobby. Jahre später, beim Wechsel zwischen zwei Autoherstellern, legte ich eine berufliche Pause ein, um mit meiner Frau und der Familie zu reisen. Außerdem nutzte ich die Zeit, um einen autobiographischen Roman fertigzustellen, an dem ich in meiner Freizeit gearbeitet hatte.
Was hat Sie schließlich dazu bewogen, das Schreiben als Vollzeitberuf anzustreben?
Philip: Als ich zur Arbeit zurückkehrte, fragte ich mich, was ich mit meinem Buch tun sollte. Ich hielt es für ziemlich gut, ebenso wie Freunde, denen ich es zeigte, war mir aber bewusst, dass die meisten Menschen, die glauben, ein kommerziell erfolgreiches Buch schreiben zu können, sich irren. Also sandte ich es an mehrere Literaturagenten und rechnete fest mit Absagen, damit ich zu meiner vorherigen Laufbahn zurückkehren konnte. Doch es kam anders: Mein Buch wurde zwar als unkommerziell abgelehnt, aber mehrere Agenten sagten, ich hätte einen guten Stil für Fiktion und würden mich vertreten, wenn ich mich daran versuchen wollte. Man sagt, Autoren sollten über das schreiben, was ihnen am Herzen liegt – für mich bedeutete das historische Marinefiktion. Ich setzte mich mit meiner Familie zusammen, um eine verrückte Idee zu besprechen – die lukrative Karriere, die unseren angenehmen Lebensstil finanzierte, aufzugeben, um als Schriftsteller Vollzeit zu arbeiten. Sie ermutigten mich durchweg fröhlich und gaben mir bedingungslose Unterstützung, trotz der wirtschaftlichen Einschnitte, die diese Entscheidung mit sich brachte. Zum Glück hat es gut funktioniert.

Die Stimme eines Geschichtenerzählers formen
Inwiefern haben Ihre Studien zur Marinegeschichte des 18. Jahrhunderts an der Universität London Ihre heutige Art zu schreiben und zu sprechen geprägt?
Philip: Ich hatte ausgezeichnete Dozenten, die mir ein gutes Verständnis der Epoche vermittelten. Außerdem wurde ich in die Society for Nautical Research eingeführt, deren aktives Mitglied ich seitdem bin. Was meinen Präsentationsstil angeht, so ist er teilweise von meiner Universitätszeit beeinflusst. Die wichtigste Fähigkeit als Schriftsteller ist jedoch, ein guter Erzähler zu sein – das hilft auch beim Halten eines fesselnden Vortrags.
Was hat Sie zur Schaffung der Alexander‑Clay‑Reihe inspiriert, und erwarteten Sie, dass sie sich auf elf Bücher ausweiten würde?
Philip: Teilweise war ich von der Liebe zur Marineliteratur, die ich als Kind entwickelt hatte, inspiriert, ebenso aber vom Wunsch, es anders zu machen als frühere Schriftstellergenerationen. Diese konzentrierten sich sehr auf das Leben der Offiziere und ließen den Matrosen nur kleine Nebenrollen. Das Leben an Bord eines Schiffs ähnelt eher dem eines Herrensitzes, wobei die Matrosen wie die Bediensteten unter Deck leben – parallel und doch sehr unterschiedlich. Ich war erfreut, als ein Kritiker meinen ersten Alexander‑Clay‑Roman Der Neffe des Kapitäns als eine Art ‚Downton Abbey auf See‘ beschrieb.
Ihre Romane erwecken Offiziere und Matrosen gleichermaßen zum Leben. Warum war es Ihnen wichtig, die Stimmen der gewöhnlichen Seefahrer hervorzuheben?
Philip: Sie werden oft übersehen, und doch waren die Matrosen des 18. Jahrhunderts eine faszinierende, eigene Gruppe im Vergleich zu denen an Land. Die Besatzungen eines Schiffes bestanden meist aus einer breiten Mischung von Nationalitäten und Motiven. Matrosen kleideten sich anders, sprachen anders und hatten durch ihre Reisen einen viel weiteren Blick auf die Welt.
Geschichte lebendig machen
Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Ihrer historischen Fiktion und den Themen, über die Sie heute sprechen?
Philip: Absolut. Gute historische Fiktion erfordert umfangreiche Recherche, die eine Fülle faszinierender Details zutage fördert. Genau diese Details verwende ich in meinen Vorträgen. Ihr Vortrag ‚Die hölzerne Welt‘ bietet ein lebendiges Fenster in das Zeitalter der Segelschiffe.
Welche Aspekte jener Welt teilen Sie am liebsten?
Philip: Heute könnte Ihnen ein Seefahrer auf der Straße begegnen, ohne dass Sie wüssten, womit er seinen Lebensunterhalt verdient – das wäre im Zeitalter der Segelschiffe undenkbar. Matrosen kleideten sich, sprachen und lebten auf eine ganz andere Weise. Mein Vortrag nimmt das Publikum mit in diese fremde Welt.
Einer Ihrer Vorträge beleuchtet die entscheidende Rolle der Marine im Halbinselkrieg. Was hat Sie an dieser Geschichte besonders gereizt?
Philip: Fast jeder Bericht über den Halbinselkrieg – die längste und bedeutsamste Kampagne der napoleonischen Kriege – erwähnt die entscheidende Rolle der britischen Marine, doch nur wenige erklären, warum das so war. Mein Vortrag basiert auf einem Beitrag, den ich im Magazin ‚Naval History‘ verfasst habe, und stellt das richtig.

Geschichten durch Wasser nachverfolgen
Die Schlacht um den Atlantik erzählt eine weitere packende Geschichte auf See. Was fasziniert Sie am meisten an dieser Kampagne und ihrem Erbe?
Philip: Krieg wird häufig in großen Begriffen beschrieben – Schlachten und Strategien, die Taten von Generälen und Admirälen, Feldzüge von Heeren und Flotten über riesige Entfernungen. Die Schlacht um den Atlantik wurde jedoch auf einer viel menschlicheren Ebene geführt. Die U‑Boote und die ihnen entgegengestellten Begleitschiffe waren kleine Schiffe mit winzigen Besatzungen, die oft unter schrecklichen Bedingungen fernab von Land operierten. Dennoch war die Kampagne, an der sie beteiligt waren, entscheidend dafür, wer den Zweiten Weltkrieg gewann oder verlor.
Wenn Sie durch Gewässer reisen, in denen die Schlacht um den Atlantik tobte, wie hoffen Sie, dass die Menschen sich mit dieser Geschichte verbinden?
Philip: Die offensichtlichste Verbindung wird wohl entstehen, wenn wir Bordeaux besuchen. Die meisten großen französischen Atlantikhäfen besitzen noch die U‑Boot‑Bunker, die von der deutschen Kriegsmarine während des Zweiten Weltkriegs errichtet wurden. Der in Bordeaux ist ein besonders eindrückliches Beispiel.
Einer Ihrer Vorträge zeichnet die Entwicklung der Navigation nach. Welche Erfindung oder Entdeckung hatte den größten Einfluss auf das Leben auf See?
Philip: Es gäbe mehrere Kandidaten, aber ich würde wahrscheinlich die faszinierende Geschichte von John Harrison und seinem langen Kampf um die Entwicklung eines Marinechronometers zur Bestimmung des Längengrads auf See wählen. Dabei erfand er zahlreiche Technologien, die wir noch heute verwenden – darunter Armbanduhren, Thermostate und Kugellager – und zeigte der Welt, dass mechanische Geräte Probleme lösen können, womit er das Tor zur modernen Welt weit aufstieß.

Vom Meer geprägte Reflexionen
Als Historiker und Seemann: Inwiefern beeinflusst Sie die Zeit auf dem Ozean bei Ihrer Sicht auf die Geschichten, die Sie erzählen?
Philip: Ich liebe das Meer. Ich segle gern darauf, halte mich gerne an ihm auf, tauche darin und verdiene meinen Lebensunterhalt damit, darüber zu schreiben. In meinen Büchern ist der Ozean fast eine Figur für sich. Seine Farbe, sein Aussehen und seine Stimmung ändern sich ständig. Manchmal ist er friedlich, manchmal gefährlich. Ich glaube nicht, dass ich mit meiner Faszination allein dastehe – die meisten Menschen fühlen sich vom Meer angezogen, sehen Sie nur, wo die meisten ihren Urlaub verbringen.
Was möchten Sie, dass Ihr Publikum mitnimmt – ein tieferes Verständnis der Marinegeschichte oder ein Gefühl des Staunens über das Meer selbst?
Philip: Beides! Weil wir an Land leben, schätzen wir oft nicht, wie gewaltig und wichtig das Meer ist. Es bedeckt fast 70 % der Erdoberfläche, bestimmt unser Wetter und über 90 % des Welthandels werden über seine Flächen abgewickelt. Deshalb wurden im Laufe der Jahrhunderte Kriege um seine Kontrolle geführt. Die Aufgabe der Geschichte ist es, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, um die Probleme unserer Zeit besser anzugehen – und die Marinegeschichte bildet da keine Ausnahme.
